Über Autismus
Ein Blick hinter das Verhalten
Autismus ist kein einheitliches Bild.
Es ist ein Spektrum – mit sehr unterschiedlichen Ausdrucksformen, Bedürfnissen und Lebensrealitäten.
Was von aussen sichtbar wird, ist oft nur ein kleiner Teil.
Der grössere Teil liegt im inneren Erleben.
Was ist Autismus?
Autismus ist eine neurologische Besonderheit.
Das Gehirn verarbeitet Informationen anders.
Diese Unterschiede zeigen sich zum Beispiel in:
- Wahrnehmung
- Kommunikation
- sozialem Verständnis
- Reizverarbeitung
- Regulation
Für viele Kinder ist die Welt dadurch:
- intensiver
- unvorhersehbarer
- schneller überfordernd
Autismus ist keine Krankheit. Und es ist kein Verhalten, das „abtrainiert“ werden muss.
Autismus ist ein Spektrum
Der Begriff „Spektrum“ bedeutet:
Es gibt nicht den einen Autismus
Kinder im Autismus-Spektrum unterscheiden sich stark in:
- ihren Fähigkeiten
- ihrer Sprache
- ihrem Unterstützungsbedarf
- ihrer Art, sich auszudrücken
Einige Kinder:
- sprechen viel
- sind selbstständig
- können sich gut anpassen
Andere:
- sprechen wenig oder nicht
- brauchen intensive Begleitung
- zeigen Belastung sehr direkt
Beides gehört zum Spektrum.
Unterschiedliche Ausprägungen im Autismus-Spektrum
Innerhalb des Spektrums gibt es sehr unterschiedliche Lebensrealitäten.
In den letzten Jahren wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff
„profound autism“ verwendet.
Gemeint sind damit Kinder und Menschen:
- mit sehr hohem Unterstützungsbedarf
- die nicht oder kaum sprechen
- die intensive Begleitung im Alltag benötigen
- bei denen oft zusätzliche kognitive oder körperliche Beeinträchtigungen bestehen
Dieser Begriff ist keine Bewertung. Er dient nicht dazu, in „mehr“ oder „weniger“ Autismus einzuteilen.
Aber er macht sichtbar, dass Unterstützung nicht für alle gleich aussieht
und dass manche Kinder deutlich mehr Begleitung benötigen
Schätzungen zeigen,
dass etwa ein Viertel der Menschen im Autismus-Spektrum rund um die Uhr Unterstützung braucht.
Verhalten ist Ausdruck, nicht Ursache
Viele Verhaltensweisen, die im Alltag als schwierig erlebt werden, sind keine bewusste Entscheidung.
Ein Kind:
- schreit
- läuft weg
- verweigert sich
- wird laut oder aggressiv
nicht, weil es „nicht will“, sondern weil es nicht mehr kann.
Verhalten entsteht im Zusammenhang mit:
- dem Nervensystem
- einem unerfülltem Grundbedürfnis (Bedürfnis-Check)
- der aktuellen Belastung
- der Umgebung
- den Anforderungen
Es ist ein Ausdruck von innerem Erleben.
Regulation
Selbstregulation bedeutet, sich innerlich stabilisieren zu können.
Für viele Kinder im Autismus-Spektrum ist das besonders herausfordernd.
Sie brauchen:
- Unterstützung
- Vorhersehbarkeit
- angepasste Anforderungen
- Co-Regulation
Gerade bei Kindern mit hohem Unterstützungsbedarf ist diese Begleitung zentral.
Kommunikation
Nicht jedes Kind kann seine Bedürfnisse sprachlich ausdrücken.
Aber jedes Kind kommuniziert.
Über:
- Verhalten
- Körpersprache
- Rückzug
- Lautäusserungen
- Handlung
Gerade bei nonverbalen Kindern wird Verhalten oft zur wichtigsten Form der Kommunikation.
Wenn Anforderungen zu Druck werden (PDA)
Bei einigen Kindern wird deutlich, dass Anforderungen als innerer Druck erlebt werden.
Dies wird als PDA-Profil (Pathological Demand Avoidance) beschrieben.
Typisch ist:
- Vermeidung von Anforderungen
- starkes Bedürfnis nach Kontrolle
- schnelle Überforderung bei Druck
Verhalten dient hier oft der Selbstregulation.
Ein verstehensorientierter Blick
Ein neuer Blick auf Autismus bedeutet:
Verhalten nicht isoliert zu betrachten
sondern im Zusammenhang zu sehen
Nicht:
„Warum macht das Kind das?“
Sondern:
„Was passiert gerade im Kind?“
„Was ist zu viel?“
„Was fehlt?“
Was Kinder brauchen
Kinder im Autismus-Spektrum brauchen vor allem:
- Sicherheit
- Vorhersehbarkeit
- Beziehung
- Verständnis
- angepasste Rahmenbedingungen
- Co-Regulation
- Erwachsene, die bereit sind, genauer hinzuschauen
Autismus verstehen bedeutet nicht, alles erklären zu können.
Aber es bedeutet: den Blick zu verändern, Verhalten anders einzuordnen und Kinder in ihrem Erleben ernst zu nehmen.